2 Wege nachhaltige Ziele zu setzen - nicht (nur) s.m.a.r.t.!

Ja! Ihr habt richtig gelesen. Keine smarten Ziele.


Die einen schreien innerlich "JUCHUUUU" (Das sind die fleißigen Seminar- und Workshopbesucher:innen, die S.M.A.R.T. Ziele schon von jedem Projektmanagement und Selbstmanagement Seminar kennen...)


Die anderen "WAS?! Nicht mehr smart? Aber das ist doch...!" (Tendenziell der Teil, der das Konzept nur 1-2 mal gehört hat und für ganz brauchbar befunden hat. (Ja, ist es eh... aber dazu später mehr!))


Und die nächsten fragen sich jetzt in diesem Moment, ob sie etwas verpasst haben. Don't worry! Ich hol dich ab!



Diese Folie erklärt das Thema sehr gut. SMART steht für spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch und terminiert. Funktioniert sogar auf Englisch! (specific, measurable, accepted, realistic & terminated) Das freut die Trainer:innen! 😂


Aber... es gibt andere Ziel-Modelle, die man bedenken sollte - vor allem, wenn es um langfristige Ziele geht.

Da wäre als Erstes das Modell von Mark Murphy - H.A.R.D. Ziele (Quelle*). HARD steht für:

  • Heartfelt

  • Das Ziel muss dir emotional etwas bedeuten. Es muss zu deinen Werten passen. Es muss dir Kraft geben. Du musst also dein WARUM, dein WHY, kennen. Simon Sinek* lässt grüßen! 👋

  • Es ist also eine Mischung aus intrinsischer Motivation (die laut der Selbstbestimmungs-Theorie (Self-determination theory, SDT) aus Autonomie, Kompetenz und Sinn bzw. Verbundenheit entstehen kann) und extrinsischer Motivation (die nach der SDT aus externer Regulation, introjizierte Regulation, Regulation durch Identifikation und integrierte Regulation entstehen kann). Wobei die intrinsische Motivation unbedingt dabei sein muss. Zusätzliche extrinsische Motivation kann dabei sein.

  • Animated

  • Das meint im Kern eigentlich visualisiert. (Aber da jedes Wort einen Vokal braucht heißt es animated. 😅) Es geht also darum sich die Erreichung des Ziels lebhaft vorzustellen.

  • Um sich Ziele zu visualisieren kann man z.b. mit den 5 Sinnen spielen:

  • Was fühlst du, wenn du das Ziel erreicht hast?

  • Was siehst du, wenn du dein Ziel erreicht hast?

  • Was riechst du, wenn du dein Ziel erreicht hast?

  • Was hörst du, wenn du dein Ziel erreicht hast?

  • Was schmeckst du, wenn du dein Ziel erreicht hast?

  • Und für das Unbewusste, das sehr visuell arbeitet, sollte man am besten sein Ziel auch grafisch darstellen, mit einem Mood-Board zum Beispiel. (Im Internet findet man zu dem Thema unzählige Anleitungen, deswegen gehe ich hier nicht näher darauf ein. )

  • Required

  • Das Ziel muss so attraktiv sein, dass es nicht nur eine Option ist, das Ziel zu erreichen. Es ist ein MUSS für dich. Um dieses Gefühl von Dringlichkeit und Wichtigkeit zu erzeugen kann man zum Beispiel:

  1. Kosten des aktuellen Verhaltens aufzeigen

  2. sich intensiv mit den Vorteilen in der Zukunft beschäftigen

  3. die Barriere zu starten möglichst klein machen (Baby Steps!)

  4. sich Deadlines setzen

  5. anderen davon erzählen (sozialen Druck aufbauen)

  • Difficult

  • Ein Ziel sollte ein bisschen zu schwer für dich sein, damit es maximal motivierend ist. Das hat Flow Forscher Mihály Csíkszentmihályi* herausgefunden. (Nerd-Modus 😎: Er sagt, dass eine Tätigkeit um 4% zu schwer sein sollte, damit man in den Flow Zustand kommt. Ganz schön präzise!)

  • Flow ist der Zustand in dem man in einer Tätigkeit völlig aufgeht und die Zeit vergisst. Man hat keinen Hunger oder Durst, man versinkt in der Tätigkeit und wacht irgendwann daraus wieder auf.

  • Das heißt, ein Ziel sollte so schwer sein, dass wir unsere Kompetenzen erweitern müssen, um es zu schaffen. Und damit dient es wieder der intrinsischen Motivation nach der SDT Theory.



Mark Murphy bzw. seine Firma Leadership IQ haben eine Menge Studien unternommen, um zu belegen, dass HARD Ziele besser sind als SMART Ziele. Die Kern-Erkenntnisse sind:

  1. Nur 14 % der Menschen sagen, dass ihre Ziele für dieses Jahr ihnen helfen werden, Großes zu erreichen

  2. Nur 43 % der Menschen setzen sich schwierige oder kühne Ziele

  3. Menschen, die sich schwierige Ziele setzen, lieben ihren Job mit 34 % höherer Wahrscheinlichkeit.

  4. Top-Führungskräfte setzen sich mit 64 % höherer Wahrscheinlichkeit schwierige oder kühne Ziele

  5. Top-Führungskräfte verlassen mit 91 % höherer Wahrscheinlichkeit gerne ihre Komfortzone, um ihre Ziele zu erreichen

  6. Ein Ziel zu setzen, das das Erlernen neuer Fähigkeiten erfordert, ist fast 10-mal besser geeignet, um Mitarbeiter:innen zu inspirieren

  7. 70 % der Menschen geben an, dass sie ihre Ziele in unterschiedlicher Weise hinauszögern (oder dass es ihnen generell an Dringlichkeit mangelt)

  8. Menschen, die ihre Ziele anhand von Bildern beschreiben, lieben ihren Job mit 52 % höherer Wahrscheinlichkeit

  9. Menschen, die sich SMART-Ziele setzen, lieben ihren Job weit weniger

Klingt ziemlich überzeugend, oder? Bevor ich jetzt von anderen Trainer:innen gelyncht werde... SMART Ziele sind nicht schlecht - sie eignen sich nur nicht für den Aufbau von Gewohnheiten.

Smart Ziele sind folglich mehr fürs tägliche Arbeiten, fürs kleine 1x1 des Delegierens gedacht. Wenn man sich oder anderen z.B. Selbstentwicklungsziele setzen will, richtig große Ziele, dann sollte man sich HARD Ziele setzen.

Und jetzt toppen wir das Ganze noch! Am besten ist es nämlich, wenn unser Ziel nicht nur HARD ist, sondern auch ein Identitätsziel ist.



Am besten lässt es sich am Beispiel von Diäten erklären. Die meisten Menschen setzen sich ein Ergebnisziel, z.B. 10kg abnehmen. Dieses Ziel erreichen manche Menschen voller Freude. Aber was passiert danach? Danach erfolgt im Optimalfall ein neues Ziel: Gewicht halten. Oft folgt aber einem Ergebnisziel kein weiteres Ziel. Und dann beginnt der Jo-Jo-Effekt.


Die Folge ist, dass wir wieder zunehmen und das Spiel von vorne beginnt.

Im Business Kontext erlebe ich dieses Spiel auf einer anderen Ebene. Das Sales Team bekommt das Ziel die Umsätze um 5% zu steigern. Nächstes Jahr bekommen sie entweder dasselbe Ziel, oder es steigert sich sogar noch um ein paar Extra-Prozent. Das führt zu großer Frustration.


Ein Identitätsziel hingegen kann über eine lange Sicht aufrechterhalten werden und wirkt viel motivierender. Zum Beispiel: Wir wollen die Marktführer:innen in Österreich für das Thema Internet im B2C Bereich werden. Das wirkt motivierender als weitere 5% mehr Sales. Der Weg dorthin bedeutet sicher auch, mehr Sales zu machen, aber das WARUM wird klar.


Identitätsziele sind für Selbstoptimierung, also langfristige Projekte, die mit neuen oder besseren Gewohnheiten erreicht werden, die beste Wahl. Wenn sie jetzt noch HARD sind, haben wir einen Ziele-Jackpot! 🤩

Machen wir eine kleine Transformationstabelle:

Ergebnisziel oder Prozessziel

Identiätsziel

Marathon laufen

Läufer:in werden

mit dem Rauchen aufhören

Nichtraucher:in werden

kein Fleisch mehr essen

Vegetarier:in werden

10 kg abnehmen

gesundheitsbewusster Menschen werden


Wenn wir wieder im individuellen Bereich sind, wäre das Ziel ein:e Läufer:in zu werden wahrscheinlich automatisch heartfelt (weil die Person das selbst wirklich will), animated (das geht bei Identitätszielen sehr einfach!), required (hier sollte aktiv die Dringlichkeit erzeugt werden) und difficult (Ja, ein:e Läufer:in zu werden, ist durchaus ambitioniert).


Wir haben bei Identitätszielen den zusätzlichen Vorteil, dass Sie uns im täglichen Tun als Leuchtturm dienen können. Man kann sich nämlich immer fragen: Was würde ein:e Läufer:in jetzt tun? Was würde eine gesundheitsorientierte Person jetzt tun? Was würden die Marktführer:innen in dieser Situation tun?


Wie würde sich die Person, die ich werden will, jetzt entscheiden? Wie würde sich das Team entscheiden?

Ihr habt es sicher schon verstanden. Identitätsziele sind vor allem für den Aufbau von Gewohnheiten essenziell. Schon allein die Herkunft des Wortes Identität: – lat. Essentitas = Sein, sowie identitem = wiederholt, bedeutet zusammengefasst = Identität ist wiederholtes Sein. Und eine Gewohnheit ist damit der beste Weg auch die eigene Identität zu verändern. Denn wir Menschen leiten unsere eigene Persönlichkeit nicht nur von unseren Gedanken her, sondern auch von dem was wir täglich tun.


Wir identifizieren uns mit unseren Gewohnheiten und leiten aus ihnen unsere Persönlichkeit ab. Deswegen ist es so wichtig, dass wir achtsam und bewusst damit umgehen.

Zusammengefasst aus verhaltenspsychologischer Sicht:
  • Smart Ziele sind gut im Projektmanagement, im täglichen Delegieren

  • HARD Ziele sind für große Veränderungsprojekte sinnvoll - als Individuum, Team oder Organisation

  • Identitätsziele sind das i-Tüpfelchen und sollten durch die HARD Methode noch optimiert werden




Wer hat's geschrieben?





Julie Simstich, Expertin für Verhaltenspsychologie



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