Growth Mindset - Was ist am Hype dran?!


Jeder, der sich mit Selbstoptimierung, Weiterentwicklung und Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt, hat es schon einmal gehört! Das GROWTH MINDSET... Klingt als wäre es DIE Wunderwaffe. DIE Basis, die man braucht, damit alles gut wird. Weltfrieden inkludiert.


Okay - Spaß beiseite. Was ist dran am Growth Mindset? Wie ist es entstanden und Was können wir daraus in den Alltag übernehmen? Darum geht es in diesem Beitrag. Und das Beste: mit gratis Selbsttest zum eigenen Growth Mindset! Link findet ihr weiter unten im Beitrag!


Die Theorie des Growth Mindset stammt von der Forscherin Carol Dweck*, die dieses Phänomen erstmals bei Schüler:innen entdeckte. Ihr berühmtes Verhaltensexperiment mit insgesamt über 400 Fünftklässler:innen war so aufgebaut (Müller & Dweck, 1998):



Die Schulkinder mussten insgesamt 3 Tests machen. Dabei wurde der 2. Test absichtlich besonders schwer gemacht. JEDES Kind ist durch diesen Test durchgefallen. Neben diesen Tests wurden die Kinder vorher in 2 Gruppen eingeteilt. Der Unterschied der Gruppen lag im Verhalten der Lehrer:innen in der gesamten Experiment-Phase.

  • Schüler:innen der Gruppe A wurden für ihre Bemühungen und Anstrengung gelobt

  • Schüler:innen der Gruppe B wurden für ihre Intelligenz gelobt

Die Kinder in Gruppe A (Anstrengung) erzielten im 3. Test 30% höhere Punktzahlen als im 1. Test. Schüler:innen, die für ihre Intelligenz gelobt wurden (Gruppe B), hatten beim 3. Test 20% niedrigere Werte als beim 1. Test.



Fazit: Loben Sie Kinder (und generell Menschen) für Verhalten, nicht für Eigenschaften. Denn Verhalten kann leicht verändert und kontrolliert werden.

Hier ein paar Beispiele, wie Lob und Anerkennung entsprechend dieser Theorie ausgedrückt werden sollte:


  • Du bist so schlau! Toll gemacht!

  • Du hast dich wirklich angestrengt und hart für diesen Erfolg gearbeitet. Das freut mich so für dich!


  • Sie sind ein echter Sales Guy! Das liegt Ihnen wirklich im Blut.

  • Sie haben dem Kunden wirklich genau zugehört und sein Anliegen verstanden und entsprechend arguementiert. Da merkt man, wie sehr Sie für das Thema brennen!


Man merkt sofort, dass Anerkennung, Wertschätzung und Lob im Sinne des Growth Mindset kompliziert ist. Es ist nicht so plakativ auf Eigenschaften reduziert. Es wird persönlich. Es erzählt eine Geschichte.


Im Grunde fördern diese beide Arten der Anerkennung zwei unterschiedliche Anschauungen - die beiden Mindset-Grundtypen: Growth und Fixed Mindset.


Menschen mit einem Growth Mindset glauben, dass sich ein Mensch durch Anstrengung grundlegend verändern bzw. verbessern kann. Dies gilt auch für Eigenschaften wie Intelligenz, Persönlichkeit und Kreativität. Das heißt, jemand mit einem Growth Mindset glaubt, dass er/sie durch Anstrengung auch die eigene Intelligenz beeinflussen kann. Durch Anstrengung kann jedes Hindernis überwunden werden. Fehler sind willkommen, denn aus ihnen kann man lernen. Und erfolgreiche(re) Personen dienen diesen Menschen als Inspirationsquelle. Das heißt, sie fühlen sich von diesen nicht eingeschüchtert, sondern herausgefordert und versuchen sich deren Tricks abzuschauen. Entsprechend suchen Sie immer wieder herausfordernde Situationen und Aufgaben, um immer weiter zu wachsen. Denn - wie gesagt - Fehler zu machen ist für diese Menschen voll okay!



Menschen mit einem Fixed Mindset hingegen ticken in diesen Dimensionen genau anders herum. Sie glauben, dass Menschen so sind, wie sie sind, dass der Charakter, die Intelligenz oder die Kreativität nicht veränderbar sind und sozusagen in "Stein gemeißelt sind". Um Großes zu erreichen braucht man Talent - denken diese Menschen. Und Talent hat man - oder nicht. Hindernisse und Herausforderungen meiden sie eher - denn daran könnte man ja scheitern. Und Fehler zu machen empfinden diese Personen als unangenehm, als Zeichen von Versagen. Entsprechend zurückhaltend sind sie und neigen auch oft zu Perfektionismus. Sehr erfolgreiche Menschen beneiden sie und meiden diese auch teilweise. Denn sehr erfolgreiche Menschen zeigen ihnen auf, dass sie selbst nicht so gut sind - wie sie es vielleicht gerne wären.



 

😎 Laaanger Nerd-Exkurs:

Wer jetzt beginnt die Stirn zu runzeln und sich zu denken... Mooooment. Intelligenz ist aber doch angeboren - zumindestens zu rund 50%?!. Dem möchte ich zuerst ein Zitat von Alfred Binet - dem Erfinder des IQ Tests zeigen:


“A few modern philosophers (...) assert that an individual’s intelligence is a fixed quantity which cannot be increased. We must protest and react against this brutal pessimism. (...) With practice, training, and above all method, we manage to increase our attention, our memory, our judgment, and literally to become more intelligent than we were before.” (Alfred Binet, 1909/1975, pp. 106-107*)

Grundsätzlich sind Intelligenz, Kreativität und Persönlichkeit Themen, die auch in unseren Genen wiedergespiegelt werden. Ja, das stimmt und lässt sich durch Zwillingsstudien eindeutig nachweisen. Aber gerade die neusten Erkenntnisse* zum Thema Epigenetik lassen klar werden, dass die Welt nicht so schwarz-weiß ist, wie eine 50% Erblichkeit von Intelligenz (was lange der Standard-Spruch diesbezüglich war) vermuten lässt. Das Thema möchte ich in einem anderen Artikel ausführlich behandeln. Wenn er geschrieben ist, werde ich ihn hier verlinken.



Das Wichtigste ist, und da kommt wieder der Link zu den Gewohnheiten. Unser Gehirn ist neuroplastisch. Das heißt unser Gehirn passt sich stetig an und zwar funktionell und strukturell. Es bildet liebend gerne neuronale Trampelpfade in unserem Kopf, sozusagen Autobahnen, weil diese sehr effizient sind. So entstehen neuronal gesehen Gewohnheiten. Unsere Art zu Denken, unser Verhalten, unsere Routinen, alles ist letztendlich in unserem Gehirn eine Reihe von neuronalen Verknüpfungen.

Nachdem unser Gehirn nachgewiesener Maßen über diese neuronale Plastizität verfügt, sollten wir das auch nutzen! So können wir uns selbst nach unseren Vorstellungen anpassen. 😎

 

Natürlich ist diese Einteilung nicht als zwei Schulbladen zu verstehen, in die man Menschen stecken kann. Es gibt viele Facetten zwischen diesen beiden Extremen. So kann man z.B. nur eine Neigung zum Growth Mindset haben, ohne dabei typische Anzeichen einer Person mit Fixed Mindset zu zeigen. Oder aber, man hält sich z.B. für unfassbar unsportlich ("Ich bin unsportlich. Ich habe 2 linke Füße."), aber man glaubt, dass man im Beruf wachsen und lernen kann ("Ich kann meine Steuererklärung NOCH nicht, ohne die Hilfe meiner Steuerberaterin machen, aber bald kann ich es.").


Wenn du herausfinden möchtest, wie es um DEIN Mindset steht - hier ein Link zu einem kurzen Selbst-Test mit live Auswertung zu deinem Mindset. Gratis, ohne Anmeldung, ohne Passwort. Nur ein paar soziodemografische Daten für den Nerd in mir. 😎🤣


Das Ergebnis würde dann zum Beispiel so aussehen:




https://s2survey.net/eder/?q=Mindset

Passwort: mindset



Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn ihr euer Ergebnis und eure Erkenntnisse daraus mit mir teilt!

Zusammengefasst aus verhaltenspsychologischer Sicht:
  • Die Growth Mindset Theorie wurde ursprünglich bei Schulkindern entdeckt und lässt sich auch auf Erwachsene anwenden

  • Es gibt ein growth und ein fixed mindset

  • Schon 1909 ist der Entwickler der IQ-Tests, Alfred Binet, von einem growth mindset ausgegangen

  • Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Gehirnforschung (neuronale Plastizität) und Genforschung (Epigenetik) stützen diese Theorie

  • Growth Mindset ist die Basis von Veränderung - denn nur Personen mit einem Growth Mindset glauben wirklich daran, sich selbst verändern zu können.




Wer hat's geschrieben?





Julie Simstich, Expertin für Verhaltenspsychologie



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